Marginale Schönheit

ein Ausstellung über Berliner Architektur

 

-Von Kai Michel FAZ, 3. Mai 2002 Nirgends ist die Macht des Faktischen größer als in der Stadt gewordener Architektur. Wer heute durch das ,Neue Berlin" schreitet, das keine Baulücken, keine Ruinen mehr zu kennen scheint, wird mit mächtiger Geste angesprochen: So ist es! Dass es auch anders hätte kommen können, dass das, was da steht, vielleicht nicht den Träumen entspricht, die man nach dem Fall der Mauer hegte, diesen Gedanken unterdrückt die Stein gewordene Realität.

Dagegen begehrt nun die Berlinische Galerie mit ihrer Ausstellung Fyfty:Fifty auf. Sie präsentiert im Kunstforum der Grundkreditbank nicht nur das gebaute, sondern auch das nicht gebaute Berlin der Jahre 1990 bis 2000.

 

Die Freiheit des Entwurfs
Dass auf diese Idee ausgerechnet das "Landesmuseum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur" kam, bezeugt Selbstironie. Seit Jahren nämlich ist die Berlinische Galerie, die einst im Martin-Gropius-Bau residierte, heimatlos. Alle PIäne, sie im ehemaligen Postfuhramt in Mitte oder auf dem Gelände einer Kreuzberger Gründerzeit-Brauerei unterzubringen, zerschlugen sich. Diese Woche präsentierte sie gerade ihr neuestes, potenzielles Domizil: ein früheres Glaslager, unweit des Jüdischen Museums. Für Fyfty:Fifty hat Eva-Maria Amberger, die Leiterin der Architektursammlung, 160 Büros in der ganzen Welt angeschrieben und eine Flut von Antworten erhalten. Vittorio M. Lampugnani, Wolfgang Pehnt, Manfred Sack und Heinrich Wefing bildeten die renommierte Jury, die an die fünfzig Entwürfe auswählte. Man bevorzugte ausdrücklich "Handgemachtes", will die Ausstellung doch nach den Worten Eva-Maria Ambergers demonstrieren, ,,dass die Architekten auch außerhalb ihres vollendeten Bauwerks noch heute Künstler sein können, Künstler mit dem Stift auf dem Papier, Künstler, die allein im Entwurf noch alle Freiheiten genießen" - ein im Zeitalter von CAD und Plotter wahrlich museales Unterfangen.

 

Blick in die Werkstatt
Doch das macht den Charme der Schau aus. Sie gewährt einen aufschlussreichen Blick in die Architekturwerkstatt: Der schwungvolle Zeichenduktus des Büros von Léon Wohlhage Wernik weist ihr "Zitrone" genanntes Bürohaus deutlich als Hommage an Erich Mendelsohn aus; Daniel Libeskinds Skizzen überzeugen auch als konstruktivistische Kunstwerke, und Gottfried Böhms Skulptur der Reichstagskuppel überwältigt durch ihre erdhafte Kraft. Dennoch kommt kein Pathos auf, dafür sorgen nette Details, die allerorten zu entdecken sind: kleine Teddybären etwa, die ausgerechnet das Büro Kollhoff/Timmermann zwischen den Profilstudien zum Potsdamer-Platz-Hochhaus platzierte, oder Nalbach und Nalbach, die den "Träinenpalast", einst Grenzübergang und Ort des Zwangsumtauschs, aus einem grünen DDR-20-Mark-Schein formten.

 

Um einige Entwürfe ist es schade - um andere nicht
Wie aber fällt der Vergleich aus zwischen Gebautem und Nicht-Gebautem? Gar nicht, muss man sagen. Eine direkte Konfrontation findet nicht statt. In beiden Sparten wurde nach Qualität ausgesucht, die realisierten Architekturen stehen den unrealisierten in Nichts nach - im Gegenteil: Wer möchte schon das Jüddische Museum oder die Nordischen Botschaften von Berger + Prakkinen missen? Dem ungebauten Mies-van-der-Rohe-Hochhaus-Imitat von Bothe Richter Teherani trauert man indes nicht nach; der Botschaft der Arabischen Emirate hingegen schon, zu zauberhaft ist ihre von Justus Pysall und Peter Ruge gestaltete doppelte Fassade aus Metall, texturiertem Glas und Keramikzylindern.

 

Armutszeugnis für das Zentrum
So liegt die tatsächliche Provokation der Ausstehung in dem, was sie nicht zeigt: kein einziges Werk der Berliner Grauen Eminenz Josef Paul Kleihues, nichts von Hilmer und Sattler. Kein einziger der Bauten in der Friedrichstraße, dieser Grundsteine der "Kritischen Rekonstruktion" mit ihren stereotyp gelöcherten Steintapeten, "die man selten groß, manchmal gewandt, meistens ordentlich zu nennen pflegt" (Manfred Sack), fand Gnade vor den Augen der Juroren. Insofern stellt die Ausstellung dem Neuen Berlin, denn das wird durch diese Bauten in seinem Zentrum konstituiert, ein Armutszeugnis aus. Stattdessen rückt sie die Architektur der Peripherie ins Zentrum: Zvi Heckers jüdische Grundschule in Charlottenburg in ihrer expressiven Kraft, Sauerbruch und Huttons buntorganisches Photonikzentrum in Adlershof oder die ganz reizende Kapelle der Versöhnung (Reitermann/ Sassenroth) auf dern ehemaligen Mauerstreifen, von der Susanne Kippenberger einmal schrieb, sie wirke "so leicht, wie die Mauer fest war". Qualität zeigt sich im Neuen Berlin also nur am Rande.