Kapelle der Versöhnung

IN BERLIN, DEUTSCHLAND

Eine Geschichte hinter Lamellen
RUDOLF STEGERS Architektur|AKTUELL 3/2001, S. 66-75, Fotos: Bruno Klomfar



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Sonntags läuten die Glocken so laut, dass man in der Nähe eine große Kirche meint finden zu können. Doch an den Rändern der Straße wollen sich weder Lang- und Querschiff noch ein Turmschaft zeigen. Nein, Im raschen Vorbeigehen sieht man nur einen grünlichen Metallzaun und zwei bräunliche Baukörper. Allein das Zeichen des Kreuzes auf dem hinteren der hölzernen Verschläge gibt Antwort auf die Frage, was dort steht. Versöhnen soll die Kapelle ein Stück deutschester Geschichte, das heißt den Umschlag von Utopie in Barbarei beim Mauerbau im Jahr 1961. Die jungen Berliner Architekten Reitermann und Sassenroth haben hier ein würdiges und eindringliches Zeichen gesetzt - der Tiroler Martin Rauch konnte dabei ein weiteres Meisterwerk seiner Lehmbaukunst realisieren. 

 

Von Rudolf Stegers Das Drama begann mit der Teilung Berlins. Nach 1961 lag die evangelische Versöhnungskirche im toten Streifen zwischen dem Elisabethfriedhof mit der "Hinterlandmauer" im Osten und der Bernauer Straße mit der "Vorderlandmauer" im Westen. 1985 wurde die neogotische Architektur des Mecklenburger Architekten Gotthilf Ludwig Möckel zur "Erhöhung von Sicherheit und Sauberkeit" gesprengt; den Soldaten auf Patrouille stand der Bau nur im Weg. Seit dem Schleifen der Grenze 1990 liegen die Bezirke Mitte und Wedding wieder dicht an dicht. Nachbarn? Freunde? Block und Hof auf der einen, Zeilenbau und Sägeschnitt auf der andern Seite trennen so stark wie das fallende Gelände zwischen den Bezirken.


Auf diesem Terrain, wo die Hussitenstraße in genau rechtem Winkel auf die Bernauer Straße trifft und früher die Versöhnungskirche in den Himmel ragte, ist während der letzten Jahre allerhand in Bewegung gekommen. Vorne links hängen die drei Glocken der alten Kirche in einem flachen Gestühl, durch dessen waagerechte Lamellen die Töne nach draußen dringen. Auf dem Boden des Grundstücks erscheint nicht allein der Grundriss von Turm und Schiff des mutwillig zerstörten Gehäuses, sondern auch die Betonbahn des Postenwegs. Etwa neun Meter hoch und bis zu achtzehneinhalb Meter breit, steht hinten rechts ein fragiles ovales Gebilde: die Kapelle der Versöhnung. Während das Gebäude der Gemeinde aus den mittleren 1960er Jahren, entworfen von Harald Franke und Horst Haseloff, eher einem grauen Wohnbau ähnelt - das Phänomen des Sakralen also meidet, haben die jungen Architekten Rudolf Reitermann und Peter Sassenroth keine Scheu vor einem Raum, der allein dem Gottesdienst gewidmet ist. 

 

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Ihr Entwurf begann mit dem Schlagen eines Kreises. Durch Dehnung und Buchtung des Rings, von dem einst Rudolf Schwarz als der Form dichtester Versammlung sprach, entstand die Andeutung einer Vorhalle und eines Chorraumes. Die enorme Dynamik der Kapelle rührt aus dem Verschneiden zweier Geraden: einerseits der West-Ost-Achse, die für den Kirchenbau seit je von Bedeutung ist; andererseits der Nordwest-Südost-Achse, die parallel zur Mittelachse des verschwundenen Gotteshauses läuft. Auf der ersten der beiden Linien liegt in der Westwand oben das Quadrat einer "Rose" aus weißem Glas und vor der Ostwand unten der Kubus des von Martin Rauch gebauten Altars aus Stampflehm von brauner und roter Farbe. Auf der zweiten der beiden Linien liegt am Ende eine helle hohe Nische, in der ein dunkles Bildwerk mit Christus und den Jüngern steht. Das wache Auge wandert zwischen den Fluchtpunkten der Blickachsen, weil es die Mensa nach rechts unter das Retabel und das Retabel nach links über die Mensa rückt. Von hinten, das heißt vom Eingangskasten und der Orgelbühne, fällt diese Trennung der kultischen Objekte besonders auf. Zeichen brüchiger Geschichte von Religion und Politik?
In solcher Hinsicht bietet vor allem die Nische ein hartes Lehrstück: Unter dem Bild-werk, einer wenig schönen Arbeit des neunzehnten Jahrhunderts, gibt ein Bodenfenster den Blick auf einen kleinen Teil des Kellers der alten Kirche frei; den Zugang von außen hatten die Grenztruppen gleich nach dem Mauerbau mit Betonstein verschlossen. Mehrere Figuren des grob geschnitzten Abendmahls wurden später geköpft.


Ist etwa der Zustand des Retabels - lädiert von Leuten, die zuvor die Kirche gesprengt hatten - der hässliche Widerschein des Ikonoklasmus der Reformatoren?
Die Aneignung der Geschichte mit den Mitteln von heute macht auch vor dem Baustoff nicht Halt. Stampflehm bildet den Boden und die Hülle, gut einen halben Meter dick, mit Ziegelsplitt bereichert und mit Flachsfaser verbunden. Wie Abt Suger die Steine von Saint Denis für Reliquien hielt und sie aus dem Altbau der Basilika in den Neubau der Kathedrale zu retten befahl, so lebt auch die Versöhnungskirche in der Kapelle der Versöhnung fort. Schicht um Schicht sieht man auf der einen, rauen runden Wand die Pressung von Lehm und Stein. Errichtet unter Anleitung des Lehmbauers Martin Rauch, verdankt sich das körnige Gewebe mit den kräftigen Zuschlägen des zerstörten Backsteinbaus der franziskanisch motivierten Ökologik des Bauherrn. "Dieser Lehm und dieser Stein sind ‚Heilerde' auf die Wunden der Stadt", sagt Pfarrer Manfred Fischer, während die Südwand im Streiflicht langsam zwischen Grau und Grün, Gelb und Braun changiert.


Den Nukleus der Kapelle, aus dem allein die beiden anthrazitfarbenen Kästen des Eingangs und der Nische stülpen, schützt in weitem Abstand eine zweite Schale. Ein Fußboden aus Gussasphalt, neun Rahmen mit Stützen und Bindern aus Kiefer sowie ein Vorhang durch Sonne und Regen silbriger werdender, senkrechter Lamellen aus kanadischer Douglasie formen dieses Oval. Frei schwingt die lotrechte hölzerne um die waagerechte lehmige Struktur, die lose äußere um die feste innere Hülle. Dazwischen lädt ein mal größerer, mal kleinerer luftiger Wandelraum jedermann ein, sich für Au-genblicke aus dem Raum und der Zeit des Alltags zu stehlen. 

 

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Nachdem die Gemeinde das Grundstück der alten Kirche 1995 wieder ihr Eigen nennen durfte, standen die Mitglieder vor der Aufgabe, für das nicht eben kleine Gelände eine Nutzung zu finden. Das Organische des siegreichen Wettbewerbsentwurfes von Reitermann und Sassenroth - die Baukörper verhalten sich wie Eigelb zu Eiweiß - verbindet sich mit der von Martin Steinmann geprägten Vorstellung einer zugleich monumentalen und monolithischen "forme forte". In Bezug auf die Gestalt waren alle im Nu einer Meinung; lange aber stritten Auftraggeber und Auftragnehmer über die Baustoffe, das heißt über Beton und Eisen oder Lehm und Holz. Die Entscheidung, schließlich einen Lehmbau von Martin Rauch auszuführen, war angesichts der auratischen Stimmigkeit von Form und Material zweifellos die richtige.

In einer Zeit, in der die Kirchen über sinkende Mitgliederzahlen klagen, in der sich in Stadtgemeinden oft wenige Gottesdienstbesucher in riesigen Kirchenräumen verlieren und in der in ländlichen Gebieten Kirchen verfallen und mancherorts über ihren Verkauf oder Abriß nachgedacht wird, baut eine Kirchengemeinde eine neue Kapelle.

 

Rudolf Reitermann geboren 1965 in Nürnberg, Architekturstudium an der TU Stuttgart und an der Hochschule der Künste in Berlin (Diplom 1990). 1991-94 eigenes Architekturbüro in Berlin. Seit 1994 wissenschaftlicher Mit-arbeiter am Lehrstuhl für Baukonstruktion und Entwerfen, TU Berlin. Seit 1995 gemeinsames Architekturbüro mit Peter Sassenroth.


Peter Sassenroth geboren 1963 in Paderborn, Architekturstudium an der TU Berlin und am Polytechnic of Central London (Diplom 1988). 1987 Mitarbeit im Architekturbüro von lan Ritchie Architects, London. 1989-95 eignes Architekturbüro. Seit 1995 gemeinsames Architek-turbüro mit Rudolf Reitermann. 1996-98 Professor für Entwerfen und Baukonstruktion an der Fach-hochschule Kiel.