Ort mit Geschichte

Die Versöhnungskapelle auf dem Berliner Mauerstreifen
Planung: Rudolf Reitermann und Peter Sassenroth, Berlin/D


 

 

Marcus Nitschke in: architektur Fachmagazin; Heft 7 Nov. 2001; S. 39-43

Die Lesart, dass der Krieg und seine Folgen die bestimmenden Koordinaten für den Kirchenbau im Zwanzigsten Jahrhundert waren, taucht in den Geschichtsbüchern der Architektur nur an einigen wenigen Schauplätzen auf. Mahnmale wie die Kathedrale in Coventry, die Frauenkirche in Dresden oder die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin gelten weltweit als beredte Zeugen eines NieWieder, das sich im engen Zusammenspiel zwischen Neuem und Alten verdichtet. Doch auch mit weniger bekannten Kirchengebäuden verbinden sich architektonische Lebensläufe, die ohne weltgeschichtlichen Hintergrund nur unzureichend nacherzählt werden können. Die große Zahl von Kirchenneubauten im Nachkriegsdeutschland: ein Politikum, wenn man bedenkt, dass den Tausenden neuen Kirchen in Westdeutschland auf Seiten der DDR nur eine Un-Geschichte entgegenzustellen ist, in der von Neubau keine Rede ist und nur selten vom Wiederaufbau. Vor allem im Berlin des Kalten Krieges sollte der Umgang mit den Kirchengebäuden zum Mittel der politi-schen Auseinandersetzung stilisiert werden. Wurde hüben der Turm der Bauausstellungskirche im Hansaviertel als deutlicher Fingerzeig in den atheistischen Teil der Stadt gesehen, setzte man drüben mit dem Abriss der Denkmalkirche am Berliner Dom ein Zeichen gegen Feudalismus und Restauration im Westen. Fronten, die teilweise bis heute bestehen. Unter ähnlichen Vorzeichen wird derzeit der Aufbau der Potsdamer Garnisonskirche diskutiert.

 

Die Teilung der Stadt teilte auch viele Berliner Kirchengemeinden. Besonders schwer traf es die Versöh nungsgemeinde, deren Kirche an der traurig-ruhmvollen Bernauer Straße stand, die, in der Mitte durch die Mauer geteilt, zum Symbol der Absurdität schlechthin wurde. Im Niemandsland des Mauerstreifens war die Kirche nicht mehr zugänglich; ein entseelter Zeuge der Vergangenheit, dessen Abriss zumindest aus Sicht der DDR-Funktionäre nur folgerichtig schien. 1985 wurde die Kirche gesprengt, die Bernauer Straße war damit ein freies, gut kontrollierbares Feld. Eine Wunde, die noch immer nicht verheilt ist. Seit dem Fall der Mauer ist der ehemalige Grenzbereich eine städtebauliche Brache, an der sich die beiden Stadthälften beziehungslos gegenüberstehen. Zwischen ihnen eine Promenade durch die jüngste deutsche Geschichte, mehr Steppe als Stadt, mit wild geparkten Autos, einem Flohmarkt und letzten Mauerresten, die zur Besichtigung freigegeben sind. Dass die Gemeinde sich 1995 entschloss, hier wieder eine Kirche zu bauen, grenzt daher an ein kleines Wunder. Noch erstaunlicher die Umsetzung: Während in direkter Nachbarschaft eine künstlerisch banale Mauergedenkstätte entstand, entwickelte die Gemeinde eine eigenständige Architektursprache. Vom architektonischen Konzept war nicht weniger gefordert, als dass die Geschichte der geretteten und wieder-gefundenen Teile aus der alten Kirche nicht nach-, sondern weitererzählt werden sollte.



kapelle

 

Die Sieger im Wettbewerb, die Berliner Architekten Rudolf Reitermann und Peter Sassenroth, nehmen diesen Gedanken in mehrfacher Weise auf. Im Grundriss schieben sich zwei Ellipsen ineinander. Was in der Außenansicht als Rundbau erscheint, entfaltet sich beim Betreten als eine beziehungsreiche Raumfolge. Die Achse der alten Kirche, im 19. Jahrhundert ein Tribut an die städtebaulichen Vorgaben, wird ebenso aufgenommen wie die traditionelle Ostung des Kirchenraums.

 

Die Kirche liegt innerhalb eines Platzes, der den Grundriss der alten Kirche nachzeichnet. Wer sich weiter auf die Spurensuche begibt, findet im Inneren der Kirche beredsame Fragmente aus der zerstörten Mutterkirche. Keine künstlerischen Glanzstücke, aber hier mit einer eigenen Würde integriert, die von lebendiger Erinnerung der Gemeinde zeugt. In der Altarnische öffnet sich ein Bodenfenster, das - theologisch gesprochen - in die Tiefe der Zeit blicken lässt. Unter ihm befinden sich die Fundamente des Altbaus und Reste der Berliner Mauer. Erschlossen wird das Gebäude über einen überdachten, aber durchlüfteten Wandelgang. Hinter der äu-ßeren Hülle aus Holzlamellen wird der Besucher in einen erhebenden Zustand zwischen innen und außen versetzt, der ihn auf den sakralen Ort einstimmt. Der innere Bereich wird von einer 60 Zentimeter dicken Wand aus Stampflehm umgeben. Mit Hilfe österreichischer Spezialisten wurde hierfür eine spezielle Materialmischung entwickelt, in die auch Ziegel der alten Kirche miteingearbeitet wurden.


Der unbeheizte Kirchenraum entpuppt sich als unerwartetes Refugium. Mit seiner unausweichlichen Materialität stellt er sich gegen die unbehauste Tristesse seiner Umgebung. Ein Zeichen der Hoffnung, das sich mutig dem Zitat entzieht und eine ganz eigene Form gegen die Berliner Architektur setzt. Für die Kritiker zweckfrei, eigentlich überflüssig, gegen den Lauf der Zeit - aber war guter Kirchenbau jemals anders? Architektur gegen den Kontext, hier geht die Rechnung auf: Die Versöhnungskapelle und ihre Gemeinde ist, bei aller Bescheidenheit, ein Stück Kirche für die Großstadt des 21. Jahrhunderts, nicht mehr und nicht weniger.