Einweihung

1. Pressemitteilung  zur Einweihung der Kapelle der Versöhnung

 

1985 wurde die alte Versöhnungskirche von den DDR-Grenztruppen gesprengt, nachdem sie schon seit dem Mauerbau unzugänglich im Todesstreifen lag. Mit der Wende 1989 begann die Versöhnungsgemeinde, ihre Position neu zu bestimmen. Zunächst waren praktische Fragen zu klären. Erinnert sei an das Engagement der Bürgerinitiative Bernauer Straße. Bald war der Gemeinde bewusst, dass sie auch eine große Verantwortung für die historischen Fragen hat. Die "Gedenkstätte Berliner Mauer" und das "Bürgerbüro für die Opfer der SED-Diktatur" sind dafür bekannte Beispiele. Auch die Frage nach dem Profil von "Kirche in der Stadt" musste neu beantwortet werden. Die Rückkehr der alten Glocken, des Altars der Versöhnungskirche und die Ausgrabung von Fundamentresten haben diesen Prozess geprägt.

 

Die Kapelle der Versöhnung ist unsere Antwort:
Ein moderner Stampflehmbau auf den Fundamenten der gesprengten Versöhnungskirche, in dem der gerettete Altar und die Glocken wieder ihren Platz gefunden haben.

 

Die neue Kirche hat drei Räume:

  • einen großen Kirchplatz unter freiem Himmel - die Grundfläche der alten Kirche am Läutegerüst.
  • den Wandelgang mit seinen Sitzgelegenheiten - unter dem Dach der Kapelle, aber noch im Freien. + der kleine von den Lehmwänden geschützte Raum der Kapelle mit dem alten Altar. Ein neuer Lehmaltar birgt im Innersten die Vasa Sacra.

 

Alle drei Räume legen Spuren frei:

  • der Kirchplatz die Schwellen des historischen Kirchenportals, den Postenweg des Todesstreifens und das Volumen der alten Kirche.
  • der Wandelgang die Fundamente der gesprengten Kirche an ihrer Apsis.
  • die Kapelle eine zugemauerte Kirchentür - "Mauer" 1961.

 

Statt auf eine Rekonstruktion zielt die neue Form auf Transformation, auf eine Aneignung der Geschichte mit den Mitteln und für die Lebensvollzüge von heute.

 

2. Auszüge aus der Predigt zur Einweihung der Kapelle der Versöhnung

 

Einweihung der Kapelle der Versöhnung

 

Predigt des Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Dr. Wolfgang Huber
zur Einweihung der Kapelle der Versöhnung am 9. November 2000 in Berlin


" Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." So stand es schon in der Altarbibel, die Kaiserin Auguste Victoria am 28. August 1894 für die Versöhnungskirche gestiftet hat.
...
Die Versöhnungszusage Gottes blieb auch in Kraft, als die im Todesstreifen gelegene Kirche am 22. Januar 1985 gesprengt wurde - als sich jene Zerstörung vollzog, die ein Epitaph für die Versöhnungskirche so beschrieb:

 

auf Befehl und Vertrag
eines Morgens stürzt
auf Befehl und Vertrag
eine Kirche aus unserem
Gedächtnis auf Befehl
und Vertrag ist Vertrag

 

Nein, die Kirche, die den Namen der Versöhnung trug, und das Wort von der Versöhnung stürzten nicht aus unserem Gedächtnis. Über Bitten und Verstehen hinaus gewannen wir vor elf Jahren wieder Zugang zu dem, was der Todesstreifen hieß. Über Bitten und Verstehen hinaus wurde vor zehn Jahren wieder vereinigt, was auseinandergerissen worden war. ...


Unter den Kirchengebäuden, die wir nach 1990 neu errichten konnten, ist die Versöhnungskapelle in einer ganz besonderen, ja einmaligen Weise ein Zeichen unseres Dankes an Gott, der Trennungen überwindet und Versöhnung stiftet. Am zehnten Tag der Maueröffnung, am 9. November 1999, haben wir das Richtfest für diesen Bau gefeiert. Und heute, ein Jahr später, weihen wir sie ein. Das ist ein Zeichen gegen die Resignation; ein Hoffnungszeichen ist es auch in der Art, in der dieser Bau verwirklicht wurde. Ein Hoffnungszeichen ist es im Blick auf die vielfältige und ungewöhnliche Unterstützung, die wir dabei erfahren haben. ...


Wir können nicht davon absehen: Der 9. November, dieser Schicksalstag der Deutschen, ist eben nicht nur der Tag der Maueröffnung im Jahr 1989, sondern auch der Tag der Schändung jüdischer Synagogen und der Plünderung jüdischer Kaufhäuser im Jahr 1938. Der 9. November, dieser Schicksalstag der Deutschen ist nicht nur der Tag, an dem 1919 in Berlin die Republik ausgerufen wurde, sondern auch der Tag, an dem 1923 in München der völkische Ungeist des Hitlerismus proklamiert wurde. ...


Für alle Teile unseres Landes muss der 9. November zu einem Zeichen für Toleranz und Mitmenschlichkeit werden.

 

Hier fangen wir damit an - hier in der Kapelle der Versöhnung, einem deutlichen und mutigen Zeichen für das, wofür wir zu danken haben: das überraschende Geschenk der Versöhnung, das nicht nur in unseren Herzen, sondern auch in unserem politischen Leben Gestalt angenommen hat. Hier fangen wir an. Wo uns das Wort von der Versöhnung mit Gott erreicht, machen wir uns auf, Botschafter dieser Versöhung zu sein und für die Versöhnung unter den Menschen zu wirken. Dazu gebe Gott seinen Segen:


Am heutigen Tag und weit über diesen Tag hinaus. Amen.

 

Bischof Dr. Wolfgang Huber