Evangelische Kirchengemeinde Versöhnung trauert um Gerda Neumann

09.12.2020

Die evangelische Kirchengemeinde Versöhnung trauert um Gerda Neumann (97), die am 9. Dezember 2020, im Altersheim gestorben ist.

 

Gerda Neumann hat viele Jahre im Gemeindekirchenrat der Versöhnungsgemeinde mitgearbeitet und gehörte zum „Urgestein“ unserer Gemeinde, die vielen bekannt war.

Seit einigen Tagen litt sie an einer Corona-Infektion, die sich noch kurz vor ihrem Tod gebessert zu haben schien.

 

Wer sie kannte weiß, dass sie es schon lange ersehnt hatte, sich aus dieser irdischen Zeit verabschieden zu dürfen. Dies ist nun geschehen. Wir sind traurig, dass wir trotz mancher Versuche nicht mehr zu ihr konnten, weil das Heim selbst wegen vieler Corona-Infektionen und auch einiger Todesfälle seit Tagen und immer noch komplett geschlossen gewesen ist. So werden wir den Abschied nachholen auf einer Trauerfeier der Versöhnungsgemeinde, die zuletzt ihre Familie war.

 

Gerda Neumanns persönliche Geschichte mit der Bernauer Straße und mit der Versöhnungsgemeinde hat sie in einem Buchbeitrag mit zur Veröffentlichung gegeben. Das Buch mit ihrem Text und einem ihrer letzten Gedichte, erschien am 10. Dezember unter dem Titel „Die Uhr der Versöhnung“. Wir hatten uns gefreut, ihr das druckfrische Buch mit einem Dank zu überreichen.

 

Den Advent mochte Gerda Neumann besonders. Vor einem Jahr lebte sie noch zu Hause im Vaterländischen Bauverein an der Hussitenstraße und hat – wie immer im Advent seit den 40er Jahren, ein Schild an ihre Wohnungstür gehängt. Darauf stand ein Wort des Propheten Jesaja 40,3:

 

„Bereitet dem Herrn den Weg“.

 

Es ist der Wochenspruch vom dritten Advent. Ich bin sicher, sie hat sich auf den Weg gemacht, und ist ihrem Herrn entgegen gegangen.

 

* * *

Vor wenigen Wochen konnten manche von unserer Gemeinde sie im Heim noch besuchen, dabei entstand der unten stehende Text, der etwas über sie erzählt.

 

„Sorge im Herzen bedrückt den Menschen, aber ein freundliches Wort erfreut ihn“ (Sprüche 12,25). Sofort taucht ein Bild vor mir auf, wenn ich dieses biblische Wort lese. Dieser Text der Hebräischen Bibel aus dem 3.000 Jahre alten Buch der Sprüche ruft in mir meine letzten Begegnungen wach mit Gerda. Sie ist 97 Jahre alt, und wir mussten sie in diesem Winter ins Heim bringen. Sie hat keine Familie. Die letzten Angehörigen sind schon vor Jahren gestorben. Nach ein paar Stürzen in ihrer Wohnung und einem längeren Krankenhausaufenthalt kam dieser Tag – als Gerda umgezogen ist in ihr neues Zimmer, im Seniorenheim in unserem Kiez.

 

Für sie war es bitter, denn sie war in ihrem Haus die älteste Mieterin. Sie war 1943 dort im ersten Stock eingezogen, als Zwanzigjährige. Sie hatte gerade geheiratet, mitten im Krieg. Berlin wurde zerbombt und wiederaufgebaut. Dann wurde die Stadt zerteilt, und heilt inzwischen wieder zusammen. In den vielen Jahrzehnten hatte sie die Menschen in ihrem Haus kommen und gehen gesehen. Kinder wurden geboren, Menschen sind gestorben. Ganze Generationen wechselten in ihrem Treppenaufgang an Gerda vorüber. Viele haben sie als Nachbarin gegrüßt, manche haben sie als Freundin in ihr Herz geschlossen. Für alle hatte sie ein gutes Wort, einen verstehenden Blick.

 

Gerda kann gut zuhören, und die Menschen verstehen. Ihr Leben ist schon fast so alt wie ein Jahrhundert. Wir merken, wenn wir sie jetzt im Heim besuchen, wie ihre Wanderung durch die Jahrzehnte sie milde, und gütig gemacht hat. Auch der Stress der Corona-Zeit scheint an ihr vorüberzugehen. Wir kommen aus dem Alltag unserer Berufe, melden bei der Heimleitung unseren Besuch an, tragen uns ein in die Corona-Liste und lassen uns die Temperatur messen. Dann – die Maske auf, und versuchen, den Puls wieder ruhig zu bekommen, damit der Atem nicht dauernd die Brillengläser beschlägt.

 

Beim Eintreten in den Altersheim-Garten sehe ich Gerda schon von weitem. Ruhig sitzt sie in ihrem Rollstuhl und blinzelt in die Sonne. Sehen kann sie kaum noch, aber sie erkennt meine Stimme, und lächelt. Wir sollen es nicht, aber unsere Hände berühren sich. Für mich ist es eine Stunde abgeknapster Zeit im vollen Tag. Für Gerda ist es das lang erwartete Ereignis. Es ist für sie unter den Corona-Bestimmungen der eine erlaubte Besuch am Tag, für eine Stunde. Sie spricht von den Gräbern ihrer Lieben. Wer die jetzt gießen wird, in der Trockenheit. Und dass sie das Gefühl hat, mehr schon zu denen zu gehören, die dort auf sie warten, als mit den Lebenden. Ich weiß, wie sie es meint, und verstehe ihre Sehnsucht."

 

Pfarrer Thomas Jeutner 

 

Bild zur Meldung: Evangelische Kirchengemeinde Versöhnung trauert um Gerda Neumann