125 Jahre ev. Versöhnungsgemeinde. Predigt zum Festgottesdienst von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein

125 Jahre Versöhnungsgemeinde

1. September 2019

Gott schenke Euch erleuchtete Augen des Herzens

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Ein wunderbarer Name für diesen Ort: Versöhnung schon von Anfang an. Und was passt besser zu diesem Weltfriedenstag und dem Gedenken an das, was heute vor 80 Jahren begann, der unbeschreiblich grauenvolle zweite Weltkrieg, der von uns, der von Deutschland ausging. Ein wunderbarer Name für diesen Ort: Versöhnung schon von Anfang an.

Für die Kirche, die zuvor hier stand und jetzt für dieses Kleinod, die Kapelle. So als ob man schon von Anfang an gewusst hat, was auf sie zukommen wird, welche unfassbaren Herausforderungen ihr in ihrer Geschichte begegnen werden. Soweit, dass sie sogar in einem gewaltsamen Akt zerstört wurde, in den Staub fiel und es Jahrzehnte dauerte bis sie in neuer Gestalt an dieser Stelle wieder auferstehen konnte. So viel Schmerz, Unrecht, Verfolgung und Leid verdichten sich an diesem Ort; so viel Sensibilität, Bereitschaft zu verstehen, zu gedenken, zum Aufbruch verdichten sich an diesem Ort.

Versöhnung? Versöhnung ist ein großes Wort und erst recht ist es ein Geschehen, das unser menschliches Vermögen so oft übersteigt.

Jetzt bei der Vorbereitung für das Jubiläum 30 Jahre friedliche Revolution sind wir wieder ganz dicht am Thema, an der Frage: wie geht Versöhnung? Uns beschäftigt all das Unversöhnliche, das die Menschen nach wie vor trennt und viele in Bitterkeit isoliert. Und nicht zuletzt in diesem Zusammenhang schauen wir heute mit großer Anspannung nach Brandenburg und Sachsen, wo die Fragen des Gelingens oder Scheiterns eines deutschen Zusammenwerdens mit großer Schärfe verhandelt werden.     

Einen Versöhnungstisch wollten wir aufstellen an vielen Orten, einen Tisch an dem sich Menschen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen setzen können, um einander zuzuhören, um vielleicht sogar gemeinsame Worte zu finden, Verständnis. Vielleicht.

Das mit dem Tisch, das machen wir auch,  ein Tisch hat sich bereits zusammen gefunden. Und der nächste wird am 20.9. in Cottbus im Zentrum für Menschenrechte (ehem. Stasigefängnis) stattfinden: dort soll es um die Verstrickung von Kirche mit dem DDR-Staat und der Stasi am Beispiel der Gefängnisseelsorge gehen.

Ein weiterer Tisch bei der Herbstsynode fragt nach den Kräften und Verletzungen der friedlichen Revolution,

Im Prinzip ist Kirche, das was wir, was Sie hier machen, nichts anderes als sich an einen Tisch setzen. Wir setzen uns hier vor diesen Altar, an diesen Tisch.

Ja und wir tragen diesen Tisch raus aus den Kirchenmauern an  verschiedene Orte in unserer Landeskirche. Nur, wir sind zurückhaltender geworden, nennen ihn nicht mehr so vollmundig Versöhnungstisch. Respektieren damit, dass solche Begegnungen ein Prozess sind, den niemand im Vorhinein bestimmen und schon gar nicht das Ergebnis festlegen kann.

Ja wir hoffen darauf, dass sich Menschen finden, die wirklich miteinander reden.

Und vielleicht geschieht an der einen oder anderen Stelle so etwas wie Versöhnung. Zwischen denen, die sich auf der einen und auf der anderen Seite der Geschichte wiederfinden. Zwischen denen, die sich als Gewinner und Verlierer fühlen. Zwischen denen, die Täter waren und denen, die gelitten haben.

An einem Tisch treffen Menschen aufeinander, auf Augenhöhe,  Täter und Verletzte und Menschen irgendwo dazwischen.

Sie können sich auf gleicher Höhe in die Augen schauen, müssen einander als Menschen sehen.

Und natürlich frage ich mich immer wieder: Geht das?

Kann man denen, die einem das Leben kaputt gemacht haben, zumindest zeitweise verzeihen? Kann man Menschen, die Anderen Unrecht getan haben für den eigenen Vorteil in einem Staat, der die Menschen in Unfreiheit geknebelt hat, sie versucht hat mundtot zu machen, kann man loslassen, was sie an Schuld auf sich geladen haben?

Ich weiß es nicht und wage über solches Geschehen auch kein Urteil, zumal ich solches nie erleben musste.

Meistens denke ich, wir Menschen können viel tun auf dem Weg in ein Leben miteinander, in ein Leben, das einen gewissen Frieden gefunden hat,

aber ich weiß auch um unser Überfordertsein und vertraue deshalb darauf, dass wir uns mit unserer Sehnsucht nach Versöhnung in Gottes Hände legen können: Gott ist die Kraft, die Versöhnung schafft.

Ja,  Gott hat angefangen mit Versöhnung. Hat sich mit Menschen an einen Tisch gesetzt. Hat sich in die Augen schauen lassen. Hat uns als ganze Menschen gesehen.

Und so, genauso hat Gott mit Christus, auf Augenhöhe, eine Neue Schöpfung angefangen.

Sodass Paulus schreiben kann:

Predigttext

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.

19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Korinther 5. 17-20)

 

Gott hat die Initiative ergriffen.

Setzt sich mit uns an einen Tisch, isst und trinkt, lächelt uns freundlich zu, schaut uns erwartungsvoll an und übergibt uns das Wort.

Jesus erzählt uns solches Geschehen liebevoll in der Geschichte vom Pharisäer.

Er erzählt uns das, damit wir uns immer wieder erinnern: um kleine und große Akte  zu vollbringen, mit denen wir Grenzen einreißen, Schwarz-und-Weiß-Unterscheidungen vermischen.

Damit wir uns als Menschen auf Augenhöhe mit Menschen setzen.

 

Nicht nur in den großen, offiziellen Akten, wie sie hier ja auch oft stattfinden, sondern in den ganz normalen Situationen, sind wir Alltagsbotschafter, Christinnen und Christen, Glaubensgeschwister.

Versöhnung ist eine Kraft von Gott. Sie gehört zu Gott und Gott wirkt in ihr. Wir können auf sie hoffen, nach ihr Ausschau halten und sie suchen. Mag sein, dass wir sie nicht immer erfüllen können, aber sie weist über uns hinaus, und genau das ist auch tröstlich. Wenn wir nicht weiterkommen, dann hält Gott die Situation für uns stellvertretend, solange bis wir auch so weit sind.

Hier an ihrem Tischen, an ihrem Altar. An dem Klapptisch, der manchmal vor der Kapelle steht. An ihren Gemeindekaffeetafeln. An ihren Wohnzimmertischen.

Die Initiative dafür kommt aus der Erfahrung von Liebe.

Aus der Liebe Gottes, aus einem von Liebe geprägten Leben.

Aus der Liebe, die Jesus vorgelebt und verkörpert hat.

Was in der Vergangenheit lag, was sich in den Körper eingegraben hat, was wir nicht abschütteln können aus den Gehirnwindungen, aus den Knochen, aus dem Magen – die Liebe schwemmt es weg.

Die Liebe, die der Grundton ist, wenn zwei Menschen am Tisch sitzen und sich ansehen als Menschen.

Was uns die Kraft für die Versöhnung gibt, ist das Gott zuerst Ja sagt zu Dir.

Dieses Ja im Herzen baut Tische, dieses Ja im Herzen stellt die Stühle ran, es gibt uns den Mut uns aufrecht vor die zu setzen, die unsere Feinde sind, vor denen wir Angst haben, ihnen in die Augen zu schauen und sie vielleicht neu zu sehen.

Dieses Ja Gottes hat an diesem Ort dazu geführt, dass Menschen nicht aufgehört haben, Tische, einen Altar aufzustellen. Und wieder neu aufzustellen. Aus den Resten der Vergangenheit neu anzufangen.

Das von Hass verbogene Kreuz neben den Tisch zu stellen. Mauern aus zerriebenen Kirchenziegeln drum herum zu bauen.

Oder wie in den vergangenen Monaten für die alte Turmuhr zu sammeln und sie vor wenigen Tagen wieder zum Laufen zu bringen. Ein sehr bewegender Moment wie mir mehrfach erzählt wurde. Lauter materielle Zeichen!

Die Versöhnungsgemeinde ist ein lebendiges Zeichen dafür, dass Menschen auf diesem Weg bleiben.

Ihre Gemeinde zeigt der EKBO, der EKD und dem ganzen Land:

Dieses spezielle Moment von Christ*innen ist es: anders zu sehen. Mit Versöhnungsaugen in die Welt zu schauen.

Unsere Arbeit ist es Versöhnung zu suchen.

Und damit Gott aufzuspüren.

Überall in den kleinen und großen Situationen unseres Lebens.

Alles das ist Versöhnungsgemeinde. Ist offener Raum, in dem Versöhnungen stattfinden.

Gott ist schon da. Gottes Ja ist schon eingebettet in unser Leben.

Und unsere Mission dabei ist es, Gottes Versöhnung sichtbar zu machen, Gott deutlich zu machen.

Dann wird Neue Schöpfung spürbar!

Zurück zum Anfang

Wie muss dieser Neustart für diese Kirche gewesen sein, damals für die Leute, die hier am Ende des 19. Jahrhunderts um einen Tisch zusammenkamen, als es hier losging. In einem jungen deutschen Reich. Wer saß hier am 28. August 1894.

Saß da eine Arbeiterfamilie, die Kinder helfen in der Fabrik mit, sie sind es gewohnt mit 9 oder 10 Leuten in einem kleinen Zimmer auf dem dritten Hinterhof zu leben? Heute riechen sie nach Seife. Haben sich rausgeputzt. Wie hörten sie von diesem Dienst:  Euer Amt ist die Versöhnung. Zwischen harter Arbeit, die schlecht bezahlt wird und dazu Arbeitsbedingungen, die wenig menschlich sind.

Saßen da radikale Sozialdemokraten neben Monarchisten und hören dasselbe, sitzen gleich, da am Tisch?

Wie haben später die Leute hier am Tisch gesessen  unter dem damaligen Dach und in den damaligen Mauern, bekennende Kirche und Deutsche Christen nebeneinander?

Wie haben hier später Spitzel, Geheimdienstler und Gemeindetreue nebeneinandergesessen?

Wie nach der Wende Ost- und Westgemeinde, Weddinger und Mitte-Menschen?

Wie sitzen wir hier heute in welchen Konstellationen nebeneinander?

Der Tisch ist geblieben, die Liebe ist geblieben, Gottes Ja ist geblieben.

Und so geschieht es ja schon seit der Zeit der  ersten Kirchen, in der von Anfang an ganz Unterschiedliche unter einem Dach saßen.

Denn das kann Kirche: Versöhnung als Kerngeschäft, die Unterschiedlichen, die Konfliktparteien zusammenbringen, an einen Tisch, an den Altar, den Ort der Versöhnung.

Wir bauen unsere Dächer dafür, wir bauen unsere Mauern nicht zur Abtrennung, sondern um unterschiedliche Menschen zusammen zu schließen nicht um sie auszusperren.

So richtet Gott unter uns das Wort von der Versöhnung auf.

Und zum Schluss: was mich weiter berührt ist, dass dieser spezielle Blick der Christinnen, der Dienst der Versöhnung, dass er nicht aufhört – und dass wir um ihn keine Grenzen ziehen können.

Sie sehen, dass Versöhnung immer mehr ist, immer größer und immer weiter als wir ahnen.

Von 1894 bis 2019, vom Überwinden der Grenzen Europas und des Eisernen Vorhangs ziehen Sie die Linie zu den Sünden, die andere erst in einigen Jahren sehen werden.

Sie sehen die Macht der Versöhnung am Wirken auch an den Außenmauern Europas, auf den Booten im Mittelmeer, in den Camps auf Lesbos. Und sie stellen Ihre Tische auf und setzen sich vor den anderen. Mit Gottes Ja im Herzen. Und hoffen und beten immer weiter dafür, dass da, wo wir an unsere Grenzen kommen, Gott Versöhnung wirkt, überraschend, wachsend, blühend. Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Ulrike Trautwein. Quelle: M. Kircher 2017.