59. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August 2020 in der Kaplle der Versöhnung

28.08.2020

 

Reden von Dr. Werner Krätschell und Joachim Krätschell

in der Kapelle der Versöhnung in der Bernauer Straße anlässlich

des 59. Jahrestages des Baus der Berliner Mauer am 13.08.1961

 

 

Dr. Werner Krätschell

 

Meine Damen und Herren, sehr geehrter Herr Stadtpräsident von Poznan,

wielce szanowny Panie Prezydencie,

vor 59 Jahren, an diesem 13. August 1961, befand ich mich mit meinem Lieblingsbruder Albert im eigentlich sicheren Schweden, auf dem Gut eines Familienfreundes am Mälarsee bei Stockholm. Wir erfuhren vom Mauerbau in Berlin erst am folgenden Tag. Der Verwalter des Gutes kam zu uns beim Frühstück in die Küche gestürzt: „Jungs, ihr könnt nicht mehr zurück! Die haben in Berlin und der DDR die Grenzen zugemacht.“ Er zeigte uns erschütternde Fotos in den Zeitungen.

Die Nachricht traf uns wie ein elektrischer Schlag. Unser Elternhaus war nämlich ein Pfarrhaus in Ostberlin. Fünf von uns acht Geschwistern waren bereits in den Westen gegangen. Wir beide haben dann in der folgenden Nacht an einem Kamin unser Leben entschieden. Albert wollte im Westen bleiben, ich wollte zurück in die DDR, woraufhin ich von Familie und Freunden für verrückt erklärt wurde. Sicher spielte bei mir eine Rolle, dass ich damals mit meinen 21 Jahren Student der Theologie war und Pfarrer werden wollte, Pfarrer „im Osten“, einer langen, sehr langen Familientradition folgend. Aber, wissen Sie, letztlich kannst Du solche Schicksalsentscheidungen nicht wirklich erklären. Manchmal wirst Du im Leben auch geführt.

Für mich jedenfalls begannen nach meiner etwas trickreichen Rückkehr in die DDR sechs Wochen nach dem Mauerbau, ich sage es einmal überspitzt: es begannen für mich die 28 glücklichsten Jahre meines Lebens. Warum? Es war für viele Menschen im Land wichtig, dass in einem Pfarrhaus Licht brannte. Und für mich gab es und gibt es außerdem diesen wunderbaren Auftrag aus einer anderen Welt, Menschen zu helfen, sie zu beraten, sie zu trösten. Manchmal kamen im Dunkeln auch Kommunisten in unser Haus. Und manchmal gelang es, über Freund Hans Otto Bräutigam von der Ständigen Vertretung und über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel dafür zu sorgen, dass gefährdete Menschen in den Westen gelangten.

 

Joachim Krätschell

 

Es hatte etwas Magisches und Anziehendes auf der Ostseite der Mauer entlangzulaufen. Auf der anderen Seite der Straße die Schilder Grenzgebiet. Betreten verboten. Durch ein paar Lücken zwischen den Häusern konnte man einen Blick auf einen Bahnhof, oder ein Haus oder einen großen Baum werfen, der im Westen stand. Sehnsuchtsort Westberlin.

Leise singe ich vor mich hin. Hermann van Veen. „nur Wolken ungehindert ziehn von Ost nach Westberlin“. Nur nicht stehen bleiben, dann kommt sofort eine Polizeikontrolle oder ein Stasi-Mann in Zivil.

Streifzüge in Ostberlin, allein, auf der Karte rausgesucht, aber die Karte nie mitgenommen, um nicht in Verdacht zu kommen. Sehnsuchtsort Westberlin. Reisen. Freiheit. Orte besuchen mit schönem Klang. Weg aus der Angst., weg aus der Enge und Kleingeistigkeit dieses schrecklichen Systems. Weg von den Schikanen in der Schule.

In der 10. Klasse Geschichtsunterricht. Ein Foto von Kampftruppen der DDR vor dem Brandenburger Tor. Die Schüler sollen Stellung beziehen. All meine Klassenkameraden in der FDJ sagen brav: „Antifaschistischer Schutzwall. Gegen die Nazis im Westen, die den Sozialismus zerstören wollen.“ Ich frage die Lehrerin: „Warum stehen die Kampftruppen mit ihren Waffen nach Osten gewandt?“ Ich muß sofort den Unterricht verlassen und zum Gespräch zur Rektorin: Provokation. Antisozialistisches Gedankengut. Tadel.

Das Thema macht den Anhängern des starken Sozialismus Angst.

Beginn des Theologiestudiums. Bald schon aber rückt die aktuelle DDR-Politik ins Zentrum. Die Farce einer Scheindemokratie mit ihren Kommunalwahlen steht an im Juni 89. Diesmal wollen wir etwas tun. Wir organisieren die Kontrolle der Wahlen in privaten Wohnungen oder kirchlichen Räumen und gehen zu zu zweit in jedes Wahllokal in Ostberlin. Wahlfälschung!

Seit Gorbatschow liegt Veränderung in der Luft. Der Mut wächst bei den Menschen im Land. Wir demonstrieren – ein ungewohntes Gefühl. Wir werden zusammengeschlagen, an den Haaren durch die Straßen gezogen, auf LKWs oder in Busse geworfen. Dann Stasi-Knast für eine Nacht. Verhör. Am Morgen rausgeworfen. Ein paar Mal geschieht es mir. Dann wächst die Angst. Wie lange noch, bis es zur Anklage kommt und dann vielleicht Bautzen, der Schreckensbegriff für Gefängnis von politisch Andersdenkenden?

Die Mauer wird immer absurder. Ich bin nicht zum Helden geboren. Ich fahre mit meiner Freundin in den lang geplanten Ungarn-Urlaub. Das Visum wird nicht zurückgezogen. Wollen sie mich vielleicht loswerden? Egal. Nur weg.

Flucht über Ungarn. Beim ersten Mal wurden wir geschnappt. Beim zweiten Mal haben wir Erfolg. Nie gekannte Glücksgefühle. Und doch Sorge um die Familie. Als DDR-Bürger wußte man, wie schlimm die Schikanen gegen die Familie eines sog. Republikflüchtlings sein konnten.

Nach Überprüfung des bundesdeutschen Verfassungsschutzes im Übergangslager Gießen flog ich nach Berlin. In meine Sehnsuchtsstadt. In die meine und doch in die ganz andere Stadt.

Ich fliege über mein Elternhaus in Pankow. Ganz nah, ganz unerreichbar. Keiner weiß für wie lange. Zur gleichen Zeit rennen meine kleinen Geschwister durch den Garten und schwenken – kurioserweise – eine DDR-Fahne. Sie hoffen, daß ich die beiden sehe oben im Flugzeug.

Wir landen in Tegel.

Ankommen in Westberlin. Glücklich. Angstfrei. Gespannt.

Ein Freund holt mich ab. Von den 7 Geschwistern meines Vaters leben die meisten in Westberlin mit ihren Familien. Die vielen Verwandten laden mich zum Kaffee mit ihren Freunden ein. Sie wollen meine Fluchtgeschichte hören. Das ist unterhaltsam für sie.

Sie alle haben riesige Häuser oder Wohnungen. Bei keinem kann ich wohnen, von keinem bekomme ich auch nur einen Pfennig. Sie waren sich so sicher, daß nie einer von uns kommen wird. Sie hatten sich längst abgefunden mit der Mauer. Ich fühle mich einsam.

Ich verabrede mich mit meinen beiden kleinen Geschwistern Johannes (14) und Karoline (7) am S-Bahnhof Wollankstr. Unweit unseres Pfarrhauses. Ich war oft dort auf meinen Mauerstreifzügen. Ich kenne eine Stelle, wo man auf den Bahnhof blicken kann. Auf den Waschbetonblöcken stehend kann man die Menschen dort im Westen erkennen. Genau da stelle ich mich jetzt hin. Die Geschwister drüben auf den Betonblöcken. Zwischen uns ein Grenzturm. Wir winken und rufen. Ich höre die Kinder-Stimmen meiner Geschwister. Die Kleine ruft immer wieder laut meinen Namen. Ich weine.

Irgendwann rufe ich „Auf Wiedersehn!“ ohne zu wissen, wann das sein wird, damit sie nicht noch von der Polizei geholt werden. Karoline schläft die Nacht kaum und fragt immer, wann der Bruder wiederkommen wird. Meine Mutter sagt am Telefon: Bitte mach das nie wieder.

9.November: Ich bin am Brandenburger Tor, klettere aber nicht auf die Mauer oder auf DDR-Gebiet. Die alte Angst.

Große wunderbare Gefühle in den folgenden Wochen. Endlich die Familie wiedersehen. Den Taumel der Freude auf den Straßen miterleben zu können.

Die Freude wird aber in den nächsten Jahren getrübt als ich beobachte wie juristisch mit den Verantwortlichen des Unrechtssystems umgegangen wird. Ich spüre bis heute meine Wut über die Verharmlosung des Schrecklichen. Aus meiner Sicht Scheinprozesse besonderer Art für die menschenverachtenden Mauerverantwortlichen. Zählen die Toten nicht? Es hagelt Freisprüche und ein paar Bewährungsstrafen für Mörder und solche die es freiwillig sein wollten? Wut die irgendwann zu Ernüchterung über ein sogenanntes gerechtes, freies Land führt.

Trotz der Wut über die Verharmlosung - unglaubliche Freude, daß es sie nicht mehr gibt - die Schreckensmauer. Die Wolken ziehen weiter ungehindert von Ost nach Westberlin. Aber jetzt können es auch die Menschen. Das ist ein großer Trost.

 

Foto: Pfarrer Joachim Krätschell am 13.08.2020 in der Kapelle der Versöhnung, Quelle: SBM, Gesa Simons