Geschichte

Die Entstehung der Kirchengemeinden im früheren Berliner Bezirk Wedding

der zugleich ein Kirchenkreis in Westberlin war

heute fusioniert im Kirchenkreis Berlin Nord-Ost www…..

ein kurzer historischer Rück- und Überblick 1. TEIL

 

BERLIN ACKERSTRASSE Eine Strasse.Eine Mauer.Eine Geschichte.

http://www.ackerstrasse.zdf.de

 

Der Beginn

 

Der Wedding ist ein junger Berliner Bezirk. Lange Zeit ein verträumter Flecken aus Wind- und Wassermühlen mit munter plätschernden Flüsschen, heute ein verkehrsgeplagter Teil der Innenstadt voller multikultureller Impressionen.

 

Doch beginnen wir am Anfang. Es war im Jahre 1251 da das Wort Weddinge das erstemal urkundlich erwähnt wurde. Berichtet wurde der Verkauf einer Mühle im Gebiet dieses Dorfes am Fluss Pankowe an das Frauenkloster in Spandau. Der Name Wedding stammt offensichtlich von der Familie Weddinge, die aus dem Harzvorland stammte und wahrscheinlich im Gefolge der Askanier nach Brandenburg kam und hier allerlei Grundbesitz erhielt, darunter offensichtlich auch den nach ihnen benannten Flecken.

 

In einer weiteren Urkunde aus dem Jahr 1289 finden wir die Bezeichnung "auf dem Wedding", die sich bis heute im Sprachgebrauch erhalten hat. Danach legt sich mittelalterliche Dunkelheit über dieses Fleckchen Erde, bis dann im Jahre 1601 der kurfürstliche Oberkämmerer Hieronymus Schlick von den Bürgern von Berlin 50 in der Nähe der Pauke gelegene Parzellen erwirbt und darauf eine Meierei errichtet, die später in den Besitz des Großen Kurfürsten gelangt und nun "Vorwerk Wedding" heißt.

 

Ein wenig in Vergessenheit geraten und häufig den Besitzer wechselnd, machte dieses Gebiet im Jahre 1701 Geschichte. Die Legende berichtet, dass der König Friedrich I erschöpft von der Kaninchenjagd zu der Mühle an der Panke kam und dort von der schönen Müllerin einen außerordentlich erfrischenden Trunk Wasser gereicht bekam. Dies war Anlass genug, das Wasser untersuchen zu lassen und die Geburtsstunde des Gesundbrunnens.

 

Die Quelle wurde gefasst, ein Badehaus errichtet und unter Leitung von Dr. Behm der Kurbetrieb organisiert.

 

Nach dem Tode von Dr. Behm und einem Besuch der Königin Luise, durfte sich das Bad nunmehr Luisenbad nennen. Neben Mühlen und Kuranlagen gab es im Gebiet des heutigen Weddings auch eine schaurige Stelle. Der heutige Gartenplatz hatte damals den Namen Galgenplatz, hier vor dem Stadttor wurden Todesurteile vollstreckt, bis zum Jahre 1837. Die drei Zentren (Müllerstrasse/Badstrasse/Gartenplatz) waren nun auch die entscheidenden Punkte bei der Entstehung der ersten Kirchengemeinden.

 

Die klassische Zeit

 

Seit dem Jahre 1806 gehörte das Gebiet westlich der Müllerstr. zur evangelischen Invalidenhauskapelle und das Gebiet östlich der Müllerstr. zur Sophienkirche. Das hatte zur Folge, dass die Bewohner der verschiedenen Kolonien, weite Wege zurückzulegen hatten.

 

Auch eine gewisse Sorge über den Verlust von Sitte und Anstand in den jenseits der Stadtmauer gelegenen Gebieten, führten zu dem Plan, zwei große Kirchen für die Gebiete Wedding und Moabit zu errichten. Der Baumeister Karl Friedrich Schinkel wurde mit verschiedenen Entwürfen beauftragt. Aber 1832 entschied König Friedrich Wilhelm III stattdessen, vier kleinere Kirchen entstehen zu lassen.

 

Am 5. Juli 1835 wurde die Nazarethkirche von Bischof Dr. Neander eingeweiht. Acht Tage danach folgte die Einweihung der St. Paulskirche am Gesundbrunnen. Die anderen beiden Vorstadtkirchen liegen außerhalb des heutigen Weddings (St. Johannes in Moabit/St. Elisabeth in der Invalidenstr.). Alle vier waren von Karl Friedrich Schinkel entworfen worden.

 

Nun begann die Zeit der Industrialisierung und das stete Anwachsen des Ballungsraums Berlin. So taucht 1851 der Name Ernst Schering zum ersten Mal auf. Er kaufte 1867 ein Grundstück an der Müllerstr. und errichtet den ersten jener großen Industriebetriebe, die später kennzeichnend für den Wedding wurden.

 

1883 wird die Deutsche Edison Gesellschaft gegründet, die wenig später in Allgemeine Elektrizitäts- Gesellschaft (AEG) umbenannt wird und in der Acker- und Brunnenstrasse riesige Fabriken errichtet. Am 1. Januar 1861 wurden Wedding und Gesundbrunnen Stadtteile Berlins.

 

Die Industrialisierung brachte naturgemäß auch viele soziale Probleme mit sich. Die Gründung verschiedener diakonischer Einrichtungen war die Folge. 1865 erfolgte die Grundsteinlegung zum Lazaruskrankenhaus. Die Einweihung erfolgte 1870, bis dahin wurden bereits Verwundete des Krieges von 1866 versorgt. Aus Anlass der goldenen Hochzeit des alten Kaiserpaares wurde Juni 1879 die Altersversorgungsanstalt der Kaiser-Wilhelm-und-Augusta-Stiftung gegründet. 1885 wurden die Neubauten des St. Georgen- und Heiligen Geist-Hospitals, an der Ecke Reinickendorfer/Exerzierstr. errichtet. Gegenüber entstand 1892 die Lange-Schucke-Stiftung. Zuflucht für Witwen und Jungfrauen aller Stände. Alle drei Einrichtungen haben heute eine gemeinsame gottesdienstliche Begegnungsstätte im Haus der Begegnung.

 

Am 200. Todestage des evangelischen Kirchenliederdichters wurde das Paul-Gerhardt Stift begründet. Das Diakonissenstift wurde 1887/1888 in der Müllerstr. errichtet. 1878 kam es zu einem Attentat auf den alten Kaiser Wilhelm I. Aus Dank für die Errettung stiftete der eine Kirche, die 1882 bis 1884 auf dem Weddingplatz errichtet wurde, Dankeskirche.

 

Nach 1880 versiegte auch die Heilquelle am Gesundbrunnen. Das Gelände verkauft und die berühmt, berüchtigten Berliner Mietskasernen errichtet. Die gastronomischen Einrichtungen stellten sich um nun wurden härtere Getränke ausgeschenkt. Die Badstr. wurde zur Vergnügungsmeile.

 

Hektischer Aufschwung

 

In den neunziger Jahren entstanden viele neue Kirchen. März 1888 Grundstein für eine neue Kirche in der Ruppiner Str. da starb Kaiser Wilhelm I. die Feier auf Juni verlegt. Da starb Kaiser Friedrich III. Nun wurde die Kirche Friedenskirche genannt. von Kirchbaumeister Orth errichtet und am Januar 1891 eingeweiht. Ebenfalls von Orth wurde die Himmelfahrtskirche am Humboldthain Juni 1893 fand die Einweihung statt.

 

Wenige Tage später fand die Einweihung der ersten katholischen Kirche im Berliner Norden statt. St. Sebastiankirche auf dem Gartenplatz. Am 28. August 1894 wurde die Versöhnungskirche an der Bernauer Str. eingeweiht, nach Plänen des mecklenburgischen Baurats Möckel errichtet. Hintergrund der Namensgebung war das Wirken des Vaterländischen Bauvereins. Der richtete sich gegen den Klassenkampf der sozialistischen Arbeiter. Nicht zerreißen, Versöhnung und Einigung wollte man hier. Ein anderes Beispiel solcher Versöhnung von sozialen Gegensätzen der Verein "Dienst an Arbeitslosen" in der Ackerstr. Und seine sogenannte „Schrippenkirche“ wo mit dem geistlichen Wort die Ausgabe eines Krug’s Kaffee und einer Schrippe (Brötchen) verbunden war.

 

Die alte Nazarethkirche schon lange zu klein geworden. Also Neubau (Neue Nazarethkirche) in gotischen Formen auf dem Leopoldplatz östlich der alten Kirche im März 1893 übergeben. Im nördlichen Bereich des Weddings besaß der schlesische Graf Oppersdorf alle Grundstücke. Er schenkte der Nazarethgemeinde eine Baustelle an der Ecke See-Antwerpener Str. mit der Maßgabe, dort eine Tochterkirche zu bauen. Sie erhielt den Namen Kapernaumkirche, im August 1902 eingeweiht.

 

Eine zweite katholische Gottesdienststätte entstand 1898 in der Graunstr. das St. Afrastift Arbeitsschwerpunkte: Krankenpflege, Kinderversorgung und Haushaltsunterricht. Dezember 1904 Einweihung der am Gesundbrunnen Prinzenallee/Soldiner Str. erbauten Stephanuskirche. 1906 folgte in der Bellermannstr. die katholische St. Petruskirche. 1909 die in romanischen Formen die kath. St. Josephskirche an der Müllerstr., zweitürmig.

 

Die Osterkirche an der Samoastr. wurde in den Formen märkischer Backsteingotik errichtet und erhielt einen Doppelturm im Juni 1911 eingeweiht. Im April 1914 bildete die katholische Kirche in den Vierteln nördlich der Seestr. die Aloysiusgemeinde, die in einem Fabriksaal eine Notkapelle erhielt. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges hemmte jede weitere Entwicklung.

 

Krise und Wiederaufbau

 

Am 1.10. 1920 wurde die Einheitsgemeinde Groß Berlin gebildet.

Der neue Bezirk 3 wurde aus den alten Stadtteilen Wedding und Gesundbrunnen, den Nordteil des Vogtlandgebietes und dem Ostteil von Plötzensee gebildet. Große neue Kirchbauten enstanden in jenen Jahren nicht mehr. In jenen Tagen schien der Wedding eine neue Blüte zu erleben. Aber in Wirklichkeit war die Bevölkerung zerrissen. Inflation, Arbeitslosigkeit und politische Wirren führten zu Straßenkämpfen und offenen Auseinandersetzungen, die sich auch in der Kirche auswirkten. Liberale und Deutsch-Nationale Pfarrer standen sich oft unversöhnlich gegenüber. Hatten in der ersten Bezirksversammlung nach dem Krieg die Sozialdemokraten mit 37 Sitzen noch die absolute Mehrheit, so konnten bis 1929 die Kommunisten ihre Stimmenzahl auf 27 (SPD 19) erhöhen. Aber auch ein Nationalsozialist war bereits dabei. In einem kleinen Büro warb Heinrich Himmler Mitglieder für die Schutzstaffel (SS), die den Führer der neuen Partei schützen sollte. Viele Kleinbürger, von der kommunistischen Mehrheit und Straßenkämpfen erschreckt, suchten in der neuen Bewegung Halt und auch viele Pfarrer sahen in den Nationalsozialisten die einzige Rettung vor der bolschewistischen Gefahr.

 

Das Ergebnis waren Adolf Hitler die Nationalsozialisten und später der Krieg. Hatte der Bombenkrieg aus der Luft den Wedding noch weitgehend verschont, so kam das Ende auch für viele Kirchen in der Schlacht um Berlin. Die Schulstrasse am Leopoldplatz wurde zur Hauptkampflinie. Dabei traf es die Nazarethkirchen und die Josephskirche. Bei dem Versuch die Ringbahn als letzte Verteidigungsstellung zu halten, fiel auch die Himmelfahrtskirche und die St. Paulskirche der Vernichtung anheim. Am Ende waren alle Kirchen außer der Stephanus- und der Friedenskirche Ruinen.

 

Nach Pfarrer Andreas Hoffmann (Kreisarchivar)

 

Quellen:

  • 700 Jahre Wedding, Geschichte eines Berliner Bezirks, Berlin 1951
  • Evangelische Kirchen in Berlin, Günther Kühne/Elisabeth Stephani, Berlin 1978