Die gebaute Kapelle

Die gebaute Kapelle der Versöhnung
November 2000

 

Grundriss

 

Der Entwurf der Architekten Rudolf Reitermann und Peter Sassenroth beantwortet stadträumliche Fragen und Gestaltungsfragen für den Gottesdienstraum.

 

Der Ort
Die Besonderheit des Grundstückes wird dadurch gewahrt, daß trotz zukünftiger Verdichtung des Quartiers der Grundriß der gesprengten Versöhnungskirche frei bleibt. Die neue Kapelle überlagert den alten Grundriß nur im Bereich des Chorraumes. Der Freiraum gibt der Kirche eine räumliche Distanz zur umgebenden Stadt. Der Grundriß der alten Versöhnungskirche ist wieder sichtbar gemacht. Im Boden befindet sich ein Fenster, durch das die freigelegte Teile der historischen Kirchenfundamente betrachtet werden können. Im Eingangsbereich zum Grundstück - an den Grundriß angelagert - steht die Glockenstube. Darin sind in einem einfachen Läutegerüst die alten Kirchenglocken wieder aufgehängt.



Bild 2



Die Kapelle
Über Minimierung und Konzentration auf ganz wenige, unverzichtbare Elemente wurde ein Innenraum geformt, der zur Kontemplation, zur Andacht und dem gemeinschaftlichen Feiern von Gottesdiensten dient. Es sollte kein Mehrzweckraum geschaffen werden, sondern ein sakraler Ort mitten im ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer.

 

Ausgehend von einer kreisförmigen Versammlungsform wurde ein nach Osten ausgerichteter ovaler Grundriß entwickelt. Der gerettete Altar kehrt an seinen ursprünglichen Ort zurück. Der Altartisch wird aber nach Osten gedreht. Der neue Chorraum entsteht durch eine dahinter liegende Ausstülpung. Dagegen behält der in eine Nische außerhalb des Ovals gerückte Altaraufsatz die Ausrichtung der alten Kirche - rechtwinklig zur Straße - bei. Diese beiden Achsen und die Größe des Altars bestimmen das Maß für Orientierung und Volumen des Kirchenraumes. Der sich aus diesem Grundriß ergebende Körper wird durch eine 60 cm starke Wand aus unverkleidetem Stampflehm geformt. Dieses Material wurde gewählt, weil Lehm bzw. Lehm mit Zuschlägen den Anforderungen an die ökologische Verträglichkeit und an die Bauphysik in nahezu idealer Weise gerecht wird. Die Stampflehmtechnik ist seit Jahrtausenden weltweit in Verwendung. Sie gilt als die solideste, statisch stabilste und dauerhafteste Lehmbauweise.


Um diesen Kern spannt sich eine Schale, die als Wandelgang ringförmig den Hauptraum umschließt und einen Übergangs- und Schwellenbereich zwischen der "Außenwelt" und dem sakralen Raum bildet. Diese äußere Schale, zu der auch das Dach zählt, besteht aus einer Holzkonstruktion. Durch ihr Stabwerk wirkt sie als leichte, lichtdurchlässige Hülle und bildet einen Kontrast zur massiven Lehmwand des inneren Kerns. Der neue Gottesdienstort soll der veränderten Situation der Gemeinde und ihren liturgischen Bedürfnissen gerecht werden. Als authentischer Ort der deutschen Geschichte wirkt die Kapelle der Versöhnung weit über die Versöhnungsgemeinde hinaus.

 

Ein moderner Stampflehmbau auf den Fundamenten der im ehemaligen Todesstreifen gesprengten Versöhnungskirche, in dem der gerettete Altar und vor der Kapelle, die alten Kirchen-Glocken, wieder ihren Platz gefunden haben.

 

Die neue Kirche hat drei Räume

  • einen großen Kirchplatz unter freiem Himmel
  • die Grundfläche der alten Kirche am Läutegerüst
  • den Wandelgang mit seinen Sitzgelegenheiten - unter dem Dach der Kapelle, aber noch im Freien
  • der kleine, von Stampflehmwänden geschützte Raum der Kapelle mit dem alten Altar.

 

Ein neuer Lehmaltar birgt im innersten die vasa sacra.

 

Alle drei Räume legen Spuren frei:

  • der Kirchplatz, die Schwellen des historischen Kirchenportals,
    den Postenweg des Todesstreifens und das Volumen der alten Kirche.
  • der Wandelgang deren Fundamente.
  • die Kapelle eine zugemauerte Kirchentür - "Mauer" 1961.

 

Statt auf eine Rekonstruktion zielt die neue Form auf eine Aneigung der Geschichte mit den Mitteln und für die Lebensvollzüge von heute.

 

1. Zahlen und Fakten zur Kapelle der Versöhnung

 

Technische Daten:

 

Kapelle 

Unbeheizter Altarraum, Überdachter Wandelgang, Regenwasserzisterne und Versickerung
(Dort sind die Fundamente der alten Kirche und Reste der Mauer von 1961 sichtbar)

 

Altarraum Durchmesser zwischen 10 m und 14 m;
Altarnische: Höhe ca.11 m, Tiefe ca. 4 m (Sichtfenster zu den Fundamenten der alten Kirche und Resten der Mauer von 1961);
Lehmwand: Stärke 60 cm, Höhe 7 m, Länge 43 m; 390 t Stampflehm, als Zuschlagsstoff gebrochene Backsteine der gesprengten Versöhnungskirche.

 

Glockenstube Länge 12 m, Breite, Höhe

 

Dach Holzkonstruktion, Kupferdeckung

 

Außenhaut Holzlamellen, unbehandelte Douglasie

 

Bausumme 1,6 Millionen DM.
Richtfest 9. November 1999 (10. Jahrestag des Mauerfalls),
Einweihung 9. November 2000. 

Altar  

Alte Mensa 1894 rote Sandsteinplatte ca. 3,10 m x 1,20 m,

 

Altes Retabel 1894 Kreuz Eiche mit Schnitzwerk Abendmahlszene,
Höhe ca. 4 m, ca. 2000 kg.

 

Neuer Altar 2000 Lehmblock Breite 1,10 m, Tiefe 0,60 m, Höhe 0,90 m, aufsetzbare Mensa Eiche Breite 1,20 m, Tiefe 0,70 m.

Orgel    Fa. Walker 1965, 2 Manuale, 1 Pedal 
Glocken 

Bochumer Glockengußverein 1894


Ton as -wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben, 500 kg, Ø110 cm


Ton f - lasset euch versöhnen mit Gott, 850 kg, Ø130 cm

 

Ton d - kommt es ist alles bereit, 1300 kg, Ø150 cm   



2. Aspekte und Sichtweisenzur Kapelle der Versöhnung

 

Der lokal-historische Aspekt
Auf dem Grenzstreifen, der fast dreißig Jahre die Bernauer Straße prägte wie kaum einen anderen Teil Berlins, kehrt das Leben zurück, wächst wieder etwas, entsteht etwas Neues.


An der Stelle der ehemaligen Versöhnungskirche, die 1985 gesprengt wurde, ist ein sakrales Gebäude entstanden.


Der spirituelle Aspekt
In einer Zeit, in der die Kirchen über sinkende Mitgliederzahlen klagen, in der sich in Stadtgemeinden oft wenige Gottesdienstbesucher in riesigen Kirchenräumen verlieren und in der in ländlichen Gebieten Kirchen verfallen und mancherorts über ihren Verkauf oder Abriß nachgedacht wird, baute eine Kirchengemeinde eine neue Kapelle.


Der Aspekt der neuesten Geschichte
Das Richtfest der Versöhnungskapelle fand am zehnten Jahrestag des Falles der Berliner Mauer statt. Aus der heutigen Sicht nehmen wir dieses epochale Ereignis viel differenzierter wahr als 1989.


Der ökologische Aspekt
Der Neubau einer Kirche an der Schwelle zum neuen Jahrtausend sollte auch in ökologischer Hinsicht zeitgemäß sein – energiepolitisch verantwortungsvoll, ressourcenschonend und nachhaltig.


Der Baustoff Lehm benötigt zu seiner Verarbeitung kaum Energie und ist jederzeit und unbegrenzt wiederverwendbar. Eine Regenwassersammelanlage und der Verzicht auf eine Heizung in der Kapelle runden das ökologische Konzept ab.


Der Aspekt der Freiwilligenarbeit

In einer Zeit des Niedergangs der Vollerwerbsgesellschaft gewinnt die soziale und integrative Komponente ehrenamtlicher Tätigkeit zunehmend an Bedeutung. Bislang bleibt ehrenamtliche Tätigkeit jedoch zumeist auf einige klassische Bereiche – karitative Tätigkeit, soziale Dienste, Kulturarbeit – beschränkt. Ehemals vorhandene Ansätze ehrenamtlichen Engagements auch bei der Errichtung und der Instandsetzung kirchlicher Gebäude sind in Westdeutschland seit den siebziger Jahren, in Ostdeutschland nach 1989 praktisch verschwunden.


Der Bau der Kapelle der Versöhnung ist auch in dieser Hinsicht zukunftsweisend – in einer gelungenen Kombination von professioneller Anleitung durch eine Fachfirma und der Umsetzung durch Freiwillige konnten einerseits fachliche Qualitätsstandards gesichert, andererseits die Baukosten nicht unwesentlich verringert, zum dritten der Prozeß des Bauens transparenter gestaltet werden, Wissen vermittelt werden.


Der Aspekt der künftigen Nutzer
Ein Kirchen- oder Kapellenraum wird in einer Zeit zunehmender Mobilität und sich abschwächender lokaler Bindungen, zumal in Berlin, künftig nicht nur von Mitgliedern der örtlichen Kirchengemeinde genutzt werden.


Durch die tätige Mithilfe von Interessenten, die nicht der Ortsgemeinde entstammen, gewinnt hier ein öffentliches, dem Gemeinwohl dienendes Gebäude mit einem modernen Nutzerverständnis Gestalt, das sich nicht mehr nur über örtliche Zugehörigkeit, sondern über Interesse, Engagement und Mitgestaltung definiert.


Der europäische Aspekt
Die Berliner nehmen die Berliner Mauer häufig als ihre Mauer wahr, als eine Grenze, die in erster Linie West-Berlin und Ost-Berlin und darüber hinaus Westdeutschland und Ostdeutschland teilte. Dabei gerät aus dem Blick, daß die innerdeutsche Grenze eine gesamteuropäische Systemgrenze war. Die gemeinsame Arbeit von jungen Freiwilligen aus Frankreich und Polen, aus Spanien und der Ukraine, aus Schweden und Rumänien an der Kapelle der Versöhnung symbolisiert in besonderer Weise die Überwindung der Teilung Europas.

 

3. Berlin im Wandel - Versöhnung der Auftrag


Rede zur Ausstellungseröffnung über das Projekt Kapelle der Versöhnung
am Potsdamer Platz, Donnerstag, 27. Oktober 1998

 

M.D.u.H.!
Ich danke Ihnen, daß Sie mir einige Worte zum spirituellen Konzept der geplanten "Kapelle der Versöhnung" erlauben.


Denn gerade innerhalb des sich bildenden Gesamt-Ortes "Gedenkstätte 'Berliner Mauer"' bedarf es wohl eines solchen Konzeptes, um der Öffentlichkeit und hoffentlich vielen Spendern den Sinn des Baues einer solchen Kapelle zu verdeutlichen.

 

Kapellen - das wissen wir alle - sind etwas anderes als Kathedralen. Sie stellen seit alters schon im äußeren Eindruck nicht das Gewicht und die Dauerhaftigkeit des bischöflich-kirchlichen Amtes und Auftrages in der gesamten Gesellschaft heraus. Kapellen sollen dagegen Raum bieten für intimere, sei es in Zweifel oder Glück persönlichere Frömmigkeit, Raum auch für die Suche nach Hilfe, nach Sinn, die Frage nach Gott und für deren Ausdrucksformen.

 

'Kapelle': so hieß ja zunächst der Aufbewahrungsort des legendären Mantels, der "cappa" des hl. Martinus am Hof der fränkischen Könige; später waren Hof- und Pfalz-Kapellen ein Bauteil, in welchem man Reliquien und andere Kostbarkeiten aufbewahrte. Man möchte sagen: so wenig eine Kapelle im Kirchenrecht die volle Rechtsstellung einer Pfarr-, einer Parochialkirche besaß, umso mehr wuchs ihr die lebenswichtige Bedeutung eines Raumes der Stille, des Nachdenkens, der Selbstbesinnung, der Begegnung mit zentralen Lebensfragen und der Mühe um deren Beantwortung zu.

 

So ähnlich soll es, wie wir hoffen, auch mit der hier im Modell ausgestellten "Kapelle der Versöhnung" werden. Nichts großartig-Kathedralisches in der Bauform; keine gebrannten Ziegel, kein Stahlbeton als Zeichen der von Menschen für ihre 'Kirche' gedachten und gemachten Ewigkeit - das alles ist doch, wie man an der Bernauer Str. sehen kann, aufs uns Beschämendste zerbrechlich. Nein, die Wände aus Stampflehm, das Äußere aus Holz:


sie sollen nur die bescheidenen und vergänglichen 'Reliquien' bergen, die Reste der alten, gesprengten Versöhnungskirche, den Altar, das verglühte und verbogene Turmkreuz.


Man möchte dabei in der Tat an den Mantel denken, den der Hl. Martnus einst mit dem Bettler teilte, damit dieser Unbehauste, Obdachlose sich bergen, wärmen konnte in einer kalten Welt. Denn so - das ist die Überzeugung der Kirchengemeinde an der Bernauer Str. - so beginnt, was den Namen 'Versöhnung' bis zum heutigen Tage verdient.

 

Mit dieser Absicht will die Gemeinde versuchen, ihre 'Kapelle der Versöhnung' gerade als Teil des Gesamt-Ensembles ,"Gedenkstätte 'Berliner Mauer" zu bauen und mit Leben zu füllen. Sie soll offen stehen und hoffentlich auch mit meditativer Musik einladen die schon jetzt vielen Besucher und Besucherinnen der Gedenkstätte und des Informationszentrums, aber auch für die vielen einzelnen, die heute Ruhe und Besinnung mitten in der so oft nur noch als gehetzt und kalt erscheinenden Welt suchen; schließlich soll sie als Ort täglichen Gebetes der Gemeinde selbst dienen, die sich auf dem Fundament ihrer alten "Versöhnungs-Kirche" der Versöhnung Gottes mit den Menschen vergewissern will.

 

Der Beirat ist Ihnen allen dankbar, wenn auch Sie das Vorhaben nach Ihren Kräften unterstützen.


Vielen Dank, daß Sie mir zugehört haben.
(Prof. Dr. Peter C. Bloth)

 

4. Geist und Seele der Stadt - Anmerkungen zur Bedeutung der Kirchenbauten im Neuen Berlin


Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer
Auszug aus einem Vortrag in der Galerie der Berliner Volksbank, am Potsdamer Platz, im Rahmen der Ausstellung "Berlin im Wandel - Versöhnung der Auftrag"
gehalten am 28. Januar 1999

 

"Lasset euch versöhnen mit Gott"! An diese biblischen Worte erinnerte die vor mehr als 100 Jah-ren errichtete Versöhnungskirche in Berlin. Wer die Ausstellung hier einmal auf sich wirken läßt, wird beeindruckt sein von der Kraft, die jene in sich hatten, als sie sich vor mehr als hundert Jahren der Aufgabe stellten, inmitten zunehmender sozialer Spannungen Kirche zu bauen. - Oder sollte ich eher sagen: ihr Christsein zu leben?

 

Deutlich ist jedenfalls: der Name, 'Versöhnungskirche' ist nicht nur ein Name sondern mit dieser Benennung wird angespielt auf die Realität in der die Gemeinde lebte und nahm sie ernst.

 

Warum interessiert uns diese Geschichte heute? Weil wir rückblicend sagen können, daß die Versöhnungskirche ein Symbol für die wechselvolle Geschichte Berlins geworden ist. Von ihrem Aufbau bis schließlich zu ihrem Abriß trug sie die Kennzeichen des Verhältnisses zwischen Staat und Kirch in sich und mit sich. So prägte bereits die Anwesenheit der Kaiserin Auguste Victoria die Einweihung des Gotteshauses. Der preußische Staat demonstrierte auf diese Weise die enge Verbundenheit zwischen Thron und Altar Doch der gewählte Standort sollte auch das Schicksal des Kirchenbaus besiegeln. Infolge einer verfehlten Politik wurden 1961 Grenzanlagen mitten durch das Herz dieser Stadt gezogen' um eine weitere innere und äußere Abwanderung der Bevölkerung von Ost nach West zu verhindern. Es hat dann 28 Jahre gedauert, bis dieser Schnitt durch die Stadt aufgehoben wurde. Ich selber habe auf der östlichen Seite der Ackerstraße meine Gemeinde gehabt und kenne die Versöhnungskirche aus diesem Blickwinkel.

 

Diese Kirche geriet im Rahmen der Errichtung des 'antifaschistischen Schutzwalls' zwischen die Grenzanlagen der DDR. Seit 1961, als sie niemand mehr betreten durfte, weil sie im Todesstreifen lag sahen viele in ihr gleichsam ein Mahnmal für die deutsche Einheit. Unbeabsichtigt wurde die Kirche zum 'Störfall', was schließlich dazu führte, daß sie durch die Grenztruppen der DDR am 28. Januar 1985 - also heute vor 14 Jahren - gesprengt wurde. Damit manifestierte der Staat auch nach außen und vor aller Welt sein gestörtes Verhältnis zu Religion und Kirche.

 

Nun liegen Entwürfe für einen Neubau vor, die sich nicht mehr einfach in das Verhältnis zwi-schen Staat und Kirche einzeichnen lassen. In den Entwürfen drückt sich vielmehr ein Öffentliches, gesellschafliches Interesse aus, eine Stätte zu schaffen, die den Menschen eine Möglichkeit bieten soll, ihre Kultur des Erinnerns zu pflegen. Dazu entsteht eine Kapelle, die auf dem Grundstück der ehemaligen Kirche erbaut werden soll. Der kleinere Umfang der Kirche gibt den Blick frei für die Spuren der Vergangenheit. Der Ort der Erinnerung wird folglich nicht in der Gegenwart abgeschlossen, sonder mit den Einschnitten der Vergangenheit offengehalten. Ist auch die gesamte Anlage des Erinnerns mit der Gedenkstätte und der Dokumentationsstätte an dieser Stelle Berlins gedacht, So könnte man sagen, daß sich an diesem Ort eine Zukunft erschließt, weil Vergangenheit und Gegenwart in einem deutlich gekennzeichneten Ort eine lebendige Sprache sprechen.

 

Beide wirken ineinander. Gerade dadurch eröffnet dieser geplante Neubau einen Beitrag zum Selbstverständnis der Stadt. Gleichwohl aber läßt sich an diesem Neubau das Selbstverständnis von Ev. Kirche unter den gesellschaftlichen Bedingungen der Jahrtausendwende besonders eindrucksvoll ablesen.

 

Der Anstoß des Neubaus gilt jedoch nicht nur dem lokalen Selbstverständnis Berlins. Die architektonische Um- und Neugestaltung der Stadt und die im Anschluß daran öffentlich geführten Debatten machen deutlich, daß hier ebenfalls ein gesamtgesellschaftliches Selbstverständnis angesprochen wird.

 

Der schillernde Begriff 'Berliner Republik" bestärkt den Eindruck: Es handle sich hierbei mehr um eine Suchbewegung als schon um eine Standortbestimmung. Die Zielrichtung jedoch ist unverkennbar: Es geht um die Frage der politischen und kulturellen Identität. In dieser Frage nimmt die Kultur des Erinnerns einen entscheidenden Platz ein. ...

 

Die Kirchengebäude nehmen nicht nur aufgrund ihrer Architektur am öffentlichen Leben teil. Denn zu keiner Zeit war das Geschehen in den Kirchenräumen auf den Gottesdienst beschränkt. Sie erfüllten vielmehr immer mehrere Funktionen unbeschadet ihrer prinzipiellen und unmittelbaren Zweckbestimmung. Ich deutete dies schon an. Schon die mittelalterlichen Kirchen waren zugleich Treffpunkte, Marktplatz, Versammlungsorte und Stätten lebendiger Begegnung. Das läßt sich leicht bis in dieses Jahrhundert hinein verfolgen.

 

Für das ausgehende zwanzigste Jahrhundert wird in diesem Zusammenhang das Jahr 1989 un-vergessen bleiben. Die Kirchen wurden zu Orten des Protestes der Demonstration, des Fastens und Betens und der Zivilcourage, in einem Staat, in dem es keine andere Öffentlichkeit als die vom Staat kontrollierte gab.

 

Als Orte der Begegnung mit dem Menschlichen haben sie sich in der Vorbereitung und in dem Geschehen der Wende von l989 erwiesen Die Friedensgebete vor 1989 und die friedlichen Demonstrationen, die ihren Ausgang bei den Kirchen nahmen, bleiben wichtige Symbole für die öffentliche Aufgabe der Kirche. Die Frage bleibt, ob sich in ihnen etwas vom lebendigen Geist und von der Seele den Menschen mitgeteilt geteilt hat. Einer Seele, ohne die das Dickicht unserer Städte zu undurchdringlichen Zonen werden und das Gemeinwesen verkommt zu einem Mix der Interessen, bei denen immer nur die wirtschaftlich potenteren das Sagen haben.

 

Auch das Beispiel der Versöhnungskirche zeigt uns, wie die Kirche heute ihre Offenheit in einem öffentlichen Raum wahrzunehmen vermögen. Dabei hat auch diese Kirche wie unsere Kirche überhaupt, Anteil am Wandel der Stadt und den sich wandelnden Normen gesellschaftlichen Lebens.

 

Im Zuge dieser Veränderung hat sie den Staat als exklusiven Ansprechpartner verloren. Dafür hat sie andere gesellschaftliche Institutionen als Partner gewonnen, mit denen sie zusammen den öffentlichen Raum gestaltet, wie das Beispiel dieses Ortes und dieses Hauses zeigt. Sie repräsentiert darin unverzichtbar die Offenheit der menschlichen Lebenszusammenhänge. Profane und heilige Räume können sich dabei ergänzen, ohne sich gegenseitig unkenntlich zu machen.

 

So wie die Kirche ins Dorf gehört, so braucht Geist und Seele der Stadt die heiligen Räume, damit unser Menschsein nicht verkommt.

 

Ich fasse zusammen:
Religion ist keine Privatsache, sondern Teil des öffentlichen Lebens. Wer versucht, die religiöse Kultur in die dunkle Ecke zu verdrängen, befördert gefährlichen Fundamentalismus und eine Beliebigkeit, die dem Gemeinwesen zum Verhängnis werden kann. Die gesellschaftlichen Akteure anerkennen die besondere identitätsstiftende religiöse Dimension des Lebens ohne die das gesellschaftliche Dasein seelenlos und beliebig wird. Die gesellschaftlichen Akteure fördern kirchliches Handeln, das auf die Inkulturation der religiö-sen Dimension in die Sozialen Zusammenhänge gerichtet ist.