Ein hundertjähriges Leben an der Bernauer Straße

12.11.2017
Ein hundertjähriges Leben
an der Bernauer Straße

 

Christel Hein (1918 – 2017)
Im Lazarus-Stift sprechen sie immer noch mit Ehrfurcht von ihr. Das halbe Leben hat sie dort gearbeitet, seit sie 1948 aus Königsberg herausgekommen war - zusammen mit rund 100.000 anderen noch dort lebenden Deutschen. Die damals 30jährige Kauffrau bekam zunächst eine Putz-Stelle im Lazarus-Krankenhaus. "Hauptsache Arbeit", war das Motto, hat sie uns später über ihren schweren Anfang in Berlin erzählt. Nur wer Arbeit und Wohnung nachweisen konnte, habe einen Berlin-Zuzug bekommen. Ihre drei Tanten, Miki, Olga und Martha haben sie bei sich aufgenommen. Später bekam sie in der Verwaltung des Diakonissen-Mutterhauses die Verantwortung für die Kasse, und wurde schließlich Oberbuchhalterin.
Jedes Mal, wenn ich bei ihr war, hat die alleinstehende Seniorin von diesem Jahr `48, dem Neuanfang in Berlin, berichtet. Manchmal etwas länger, manchmal kürzer. Doch niemals hat sie darüber gesprochen, wie diese drei sowjetischen Jahre in Königsberg gewesen sind. Nicht sprach sie darüber, was sie erlebt hat, wo sie untergekommen ist, wo sie arbeiten musste. Sie sagte leise, dass ihre Mutter die schwere Zeit mit den vielen Entbehrungen nicht überstanden hat, und verhungerte. Sie fragte mich manchmal, ob es nicht furchtbar sei, dass sie selber dieses schlimme Schicksal nicht hatte abwenden können. Manche, welche sie noch gekannt haben aus ihren ersten Jahren im Lazarus, wissen von ihren nächtlichen Ängsten. Wie die schlimmen Bilder, die sich eingefressen haben in die Seele, nachts wiederkamen in den Träumen. 
Als sie sich in Berlin eingelebt hatte, war Christel Hein sehr unternehmungslustig. So oft sie konnte, fuhr sie los mit Bus und Bahn. Sie schaute sich Interessantes an: Schlösser, Ausstellungen, Museen, und besuchte Theater und Oper. Bei ihren Kolleginnen und den Menschen unserer Versöhnungsgemeinde war sie für ihren raschen Geh-Stil bekannt. Immer voraus lief sie, wenn sie in einer Gruppe einen Ausflug machte. Das war mein sogenannter "Berliner Schritt", erinnert sie sich später.
Auch mit den Ereignissen an der Bernauer Straße konnte man kaum Schritt halten. Den Mauerbau 1961, direkt am Lazarus-Stift, hat sie schmerzlich miterlebt. Er bedeutete die Trennung von ihren drei Tanten, den einzigen Verwandten in der großen Stadt. Martha, die gleich neben der Versöhnungskirche gewohnt hatte, wurde mit den 2.000 anderen Bewohnern der Ostseite an der Bernauer Straße zwangsumgezogen. Die Zwillinge Miki und Olga lebten im östlichen Teil der Bergstraße. Ein Besuch bei ihnen gehörte früher zum unkomplizierten Alltag, sie waren mit dem Überqueren der Straße in zwei Minuten zu erreichen. In den 60er und 70er Jahren brauchte Christel Hein eineinhalb Stunden dazu, mit der Einreise über offizielle Grenzübergänge.
1978 ging sie in den Ruhestand. In jenem Jahr ist sie vom Lazarus-Stift, wo sie eine kleine Betriebswohnung hatte, in eine neu errichtete Eineinhalb-Zimmer-Wohnung des Vaterländischen Bauvereins umgezogen. Nur ein paar Hundert Meter weiter, die Bernauer Straße hinauf, von der Nr. 116 zur Nr. 106. Vierzig weitere Jahre wohnte sie hier. Sie hat freudig miterlebt, wie sich die Bernauer Straße nach der Maueröffnung 1989 wiederbelebte. „Heinchen“, wie sie im Lazarus liebevoll genannt wurde, pflegte natürlich weiter, bis ins hohe Alter, Kontakt zu ihrer alten Arbeitsstätte. Oft habe ich sie in ihrer kleinen Wohnung besucht, zuletzt in diesem Herbst. Vor ihr auf dem Wohnzimmertisch lagen Informationen über das Altenpflegeheim Lazarus. „Wenn ich bald 100 bin“, sagte sie, wie so oft, „wenn ich dann richtig alt bin, gehe ich ins Lazarus-Heim“. Sie wollte aber eigentlich nicht davon sprechen. Sondern erkundigte sich über das Ergehen in der Gemeinde. Ob jene noch da sind, die sie gekannt hat über all die Jahrzehnte. Namen nannte sie, die längst schon vor ihr gegangen waren. Dann schaute sie versonnen aus dem Fenster. Ihr gehe es gut, eigentlich hätte sie nie eine Krankheit gehabt im Leben. Nie einen Fehltag in ihren langen Lazarus-Dienstjahren. Nur jetzt, das offene Bein. Nicht mehr raus können, schon drei Jahre lang. Wir haben jedoch nie eine Klage gehört aus ihrem Mund.
So gern sie bei ihren Ausflügen und Reisen frisch vorneweg unterwegs war, so zurückgezogen suchte sie sich ihren Platz bei uns, in der Kirche. Da mochte sie lieber hinten sitzen. In der letzten Reihe war ihr Stammplatz. Sie sagte immer „es braucht mich ja nicht jeder zu sehen“. So zurückhaltend sie war, so sehr hat sie zu unserer Gemeinde gehört. Ihr Bild soll deshalb hier noch einmal zu sehen sein.
Früher lag immer die Berliner Zeitung auf ihrem Tisch ausgebereitet, das Ostpreußenblatt, und der Tagesspiegel. Den hat sie bis zuletzt gelesen. Wenn etwas drin stand über „ihre“ Bernauer Straße, über die Lazarus-Diakonie und über unsere Kapelle der Versöhnung, hat sie es ausgeschnitten und aufgehoben. Und das Losungsbüchlein hat sie gelesen. Als wir uns im November zu ihrer Trauerfeier versammelten, in ihrem hundertsten Lebensjahr, stand die Losung der Herrnhuter Brüdergemeine beim Propheten Jesaja, Kap. 35,4: Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!“
Thomas Jeutner