12 Jahre Ernte des ROGGENFELDES an der Kapelle

20.10.2017

Roggenfeld in der Großstadt

Vor zwölf Jahren:
Erste Aussaat im Rahmen des Kunstprojektes „Roggenfeld“
 

 

 

 

 

Es steht ein Schild am Rand des Getreidefeldes, das die Kapelle der Versöhnung säumt. Dass sich hier mitten in der Großstadt, an der Tram-Strecke der M 10 und in U-Bahnnähe die Roggenhalme im Wind wiegen, erklärt sich nicht von selbst:

Ein Getreidefeld auf dem ehemaligen Todesfeld. Zeichen des Lebens.

 

Was die Ostberliner Grün-Aktivisten um die Künstler Anna Lobeck, Peter Schwarzbach und Manfred Butzmann im ersten Revolutionsfrühjahr 1990 mit ihrer Aussaat von Lupine im Mauerstreifen begannen, haben mehrere Menschen in der Versöhnungsgemeinde später als Teil der Gemeindearbeit aufgenommen: auf der entlebten Grenz-Erde sollte wieder etwas wachsen. So könnten nach biblischem Vorbild an der Kapelle Brotgetreide und Weinstöcke angebaut werden, hatte 1999 die Kirchenälteste Gerda Neumann vorgeschlagen. Angeregt durch ein schwedisches Vorbild bei Uppsala entwickelte der Bildhauer und Steinmetz Michael Spengler 2005 die Idee eines Roggenfeldes weiter. Er betonte den starken Bezug des Getreideackers zum Gottesacker. Denn nicht nur die ehemalige Grenzanlage, sondern auch die frühere Versöhnungskirche befand sich auf einem Teil des St. Elisabeth-Friedhofes. Das Feld als künstlerischer Ausdruck von Säen, Wachsen und Vergehen, von Vergänglichkeit und Ewigkeit, habe seinen guten Ort im Erinnerungskontext der Berliner Mauer, die nur eine Generation Bestand hatte. Zudem in einem Stadtumfeld, in dem durch die Namen „Ackerstraße“, Wiesenstraße“ und „Gartenstraße“ noch Erinnerung lebt an das 17. und 18. Jahrhundert mit seinen Feldmarken der Vorstädte, sagt Spengler.

 

Er hat als Kirchenältester der Versöhnungsgemeinde und Künstler seines Ateliers denkwerk 2005 das „Kunstprojekt Roggenfeld“ zunächst im Rahmen eines temporären Ausstellungskonzeptes entworfen. Die erste Aussaat, per Hand ausgebracht vom Berliner Landwirt Joachim Henke, jährt sich somit im Sommer 2015 zum zehnten Mal.

 

Das sich verstetigende Feldprojekt konnte 2011 in die Gestaltung der Außenausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer einbezogen werden. Das Gemeinschaftsprojekt von Spengler und der Kirchengemeinde gilt seitdem als „eine Metapher für die Kultivierung des Geländes des Todesstreifens und seiner Aneignung durch die Versöhnungsgemeinde seit 1989“, heißt es dazu in einer 2015 abgeschlossenen Vereinbarung zwischen Kirchengemeinde und Stiftung Berliner Mauer.

 

Seit 2006 engagiert sich die Lebenswissenschaftliche Fakultät der Berliner Humboldt-Universität mit studentischen Arbeiten für das Roggenfeld.
Vom  Anfang bis zu seiner Pensionierung war der Uni-Landwirt Gerd-Uwe Bösche mit seinen Kollegen  jährlich mit Versuchstechnik der Agrarwissenschaftler im Einsatz, um den Boden zu bearbeiten, zu säen und zu ernten.
Heute leitet Michael.Baumecker von der Lehr- und Forschungsstationen Pflanzenbauwissenschaften des Albrecht Daniel Thaer - Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften diese Arbeit  zur sommerlichen Roggenernte kommt  das Institut mit seinem Parzellenmähdrescher an der  Kapelle der Versöhnung  zum Einsatz.

 

Das von einem Fünftel Hektar Land geerntete Korn wird von einem Bio-Bäcker vermahlen. Daraus kann Brot gebacken werden, oder Oblaten für die Feier des Abendmahls in der Kapelle. Die seit zehn Jahren in das Feld eingebettete Kapelle lebt somit nicht mehr nur wie seit alters mit dem Kirchenjahr und wie seit der Friedlichen Revolution mit den Jahrestagen der deutschen Teilungs-Geschichte. Hinzu kommt das Mitleben im bäuerlichen Jahr, zwischen Aussaat und Ernte.

 

Wie das Korn selbst ist auch die Roggenfeld-Idee weiter gewachsen. So gründete sich 2012 der auch vom Kirchenkreis Berlin-Nordost unterstützte Verein „Friedensbrot“. Von der Roggenernte 2013 sandte er unterstützt durch die Botschaften der Länder je zehn Kilogramm Saatgut in jene elf mittel- und südosteuropäischen Länder, die nach 1989 der EU beigetreten sind.
Das dort an bedeutenden Erinnerungsorten gewachsene Korn kam zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, im Herbst 2014, nach Berlin zurück. Es wurde ein großes europäisches Friedensbrot gebacken und von hunderten Besuchern eines ökumenischen Erntedank-Gottesdienstes verkostet.  

Pfarrer Thomas Jeutner

 

AUSSAAT 2017   Ende Oktober abgeschlossen

 

 

 

WEITERE INFORMATIONEN